Poesietherapie: Was versteht man darunter und was bewirkt sie?

Dass die richtigen Worte heilen können, gehört mittlerweile zu den Grunderfahrungen der Menschen. Schon weit vor dem therapeutischen Schreiben nutzte man die formellen Wortverbindungen, um beispielsweise Dämonen oder andere Krankheiten zu vertreiben und zu bekämpfen.

Heutzutage klingt dies nicht gerade glaubwürdig, sondern vielmehr abstrus. Jedoch hat sich der Glaube an das heilende Wort bis heute gehalten. Ein gutes Beispiel dafür sind Tagebücher, die man gut verschlossen an einem sicheren Ort aufbewahrt, wo sie niemand Fremdes finden kann. In einem Tagebuch verstecken Menschen all ihre Geheimnisse, Ängste, Sorgen und alltäglichen Probleme.

Schon seit Jahren wird das Tagebuch als treuer Begleiter für den Menschen gesehen, und das nicht nur in den schönen Stunden des Lebens, sondern auch in den dunkelsten Stunden. Alles, was Menschen nicht wirksam aussprechen können, wird einfach zu Papier gebracht, um die innere Blockade in einem selbst zu lösen. Es antwortet zwar niemand auf das, was persönlich niedergeschrieben wurde, jedoch reicht es bereits aus, alles zu verschriftlichen, was einen bewegt und bedrückt. Das Tagebuch ist sozusagen ein schweigsamer Zuhörer für den Menschen.

Was für uns Menschen fast „normal“ und vertraut ist, wird heute in Psychotherapien und in der Selbsthilfe eingesetzt. Dieses Verfahren ist unter dem Namen „Poesietherapie“ bekannt und soll dabei helfen, das Erlebte, die eigenen Gefühle und das Gedachte niederzuschreiben und sich davon zu lösen. Das kreative Schreiben soll den Menschen dabei unterstützen, Traumata, Depressionen und beispielsweise existenzielle Probleme zu verarbeiten.

Auch in Deutschland hat diese Therapieform einen großen Bekanntheitsgrad gewonnen. Immer mehr Menschen bringen ihre Gedanken und Gefühle auf Papier und helfen sich somit selbst in bestimmten Situationen zurechtzukommen.

Das innere Ausdrücken seiner selbst

Alle Psychotherapien, dabei ist es egal, ob diese auf Jugendliche oder Erwachsene ausgerichtet sind, legen großen Wert auf das gesprochene Wort. Zunächst scheint dies besonders einleuchtend zu sein, da das Sprechen die konventionellste Kommunikationsform der Gesellschaft ist, wobei das digitale Zeitalter in großer Konkurrenz dazu steht. Wer sich einmal mit der Psychotherapie befasst, wird schnell merken, dass es sich durchaus um eine eher schwierige Angelegenheit handeln kann. Besonders bei traumatischen Erlebnissen oder dem Ausdruck der eigenen Gefühle ist es nicht sonderlich leicht, dies in eigene Worte zu fassen.

Oftmals geraten Betroffene ins Stocken, Schweigen oder weichen den Fragen der Therapeutin aus.

In Hinblick auf dieses Grundproblem scheint das Schreiben eine sehr gute Alternative zu bieten. In der eigenen Schreibsituation ist der Betroffene für sich, ohne ein direktes Gegenüber vor sich zu haben. Die Mitteilungen, die man zu Papier bringt, richtet sich nicht direkt an ein bestimmtes Gegenüber, sodass kein Erwartungsdruck entsteht. Das Schreiben ist zur Überwindung solcher Probleme zwar noch weit davon entfernt, als fester Bestandteil etabliert zu werden, jedoch wird das Verfahren heute gerne genutzt.

Das sogenannte exzessive Schreiben, welches auch als „inneres ausdrücken“ bekannt ist, baut darauf, die Geschehnisse im Leben auf Papier zu bringen und somit zu verschriftlichen. Der US-amerikanische Psychologe James Pennebaker gilt mittlerweile als Vorreiter des exzessiven Schreibens. In einer Studie bat er darum, dass die Studierenden ganze 15 Minuten lang ihre Gefühle und Gedanken im tiefsten Innersten aufzuschreiben. Auf den ersten Blick schien diese Studie eher heikel. Sie erwies sich allerdings als ein kraftvolles Instrument.

Viele der Studierenden verließen bereits beim ersten Termin aufgelöst den Raum. Sie kamen nach einer gewissen Zeit jedoch wieder und erwiesen sich als physisch, wie auch psychisch abgeklärt. In der Kontrollgruppe, in der die Studierenden einfach über belanglose Themen schreiben sollten, wurde dieser Effekt nicht festgestellt. Pennebaker fand in seiner Studie heraus, dass das Niederschreiben von traumatischen Erlebnissen und verborgenen Gefühlen und Gedanken den Studierenden half, sich von diesen Geschehnissen zu lösen und zu sich selbst zu finden.

Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass das Schreiben weitere Vorteile, als nur die reine Mitteilung bieten kann, die bei einem gesprochenen Wort nicht möglich ist. Alles was verschriftlich wird, wird mit den eigenen Worten festgeschrieben. Gesprochene Worte verschwinden innerhalb von wenigen Sekunden wieder. Geschriebene Worte hingegen verlassen zwar das Innere eines Menschen, setzen sich jedoch auch nach außen fest. Besonders diese Vorteile der Verschriftlichung sind mit ein Grund, warum die Schreibtherapie für viele Menschen nützlich sein kann.

Hinzu kommt, dass die Schrift eine Art Gegenstand wird. Häufig neigen Menschen dazu, bei mündlichen Themen schnell vorbeizureden oder auf ein anderes Thema zu schließen, da eine gewisse Hemmung beim Sprechen vorhanden ist. Das Vordringen wird grundsätzlich vermieden. Dringt man sich jedoch zum exzessiven Schreiben durch, wird man mit dem Ausgedrückten direkt konfrontiert und hat nicht einmal die Möglichkeit, bestimmten Gedanken oder Gefühlen auszuweichen. Die Schrift ist mit einer Verbindlichkeit verbunden, die Worte oder das Mündliche nicht besitzen.

Menschen, die sich mit dem exzessiven Schreiben auseinandersetzen, beschäftigen sich intensiv mit sich selbst und mit den Gefühlen, die im Alltag unter Verschluss bleiben. Dies kann bereits heilsam sein und bei verschiedenen Verarbeitungsprozessen helfen.

Daneben ist ein gewisses Flow-Erleben denkbar. Das bedeutet, dass die Wörter, die man zu Papier bringt, frei assoziiert werden und einfach auf das Papier „fließen“. Ein solches Erlebnis ist mit vielen Besonderheiten verbunden, da viele Menschen in der Lage sind, eher die verschriftlichen Worte „fließen“ zu lassen als die gesprochenen.

Außerdem sind die verschriftlichen Worte nach der Niederschrift weiterhin zugänglich. Wer möchte kann die verschriftlichen Zeilen immer wieder lesen, wodurch ein weiterer Zugang des Ausdrückens angeboten wird. Für den Menschen bietet die Verschriftlichung selbst immer wieder einen neuen Zugang, aus dem natürlich neue Erkenntnisse gezogen werden können. Die Menschen, die ihr Inneres nach außen tragen, können mit Hilfe der Verschriftlichung, immer wieder auf das Ausgedrückte zurückgreifen, Ergänzungen hinzufügen, das Geschriebene kommentieren oder aber auch neu aufgenommene Gedanken hinzuschreiben. Der Schreiber macht sich aufgrund der Bearbeitbarkeit bewusst, wo Handlungsfähigkeit bei dem niedergeschriebenen Problem besteht.

Bis heute ist das exzessive Schreiben eine gute Herangehensweise, um die eigenen, persönlichen Probleme zu lösen. Gerne wird dies als Selbsthilfetechnik bezeichnet.

Schöpferisch tätig werden in der Poesietherapie

Nicht nur das Niederschreiben der eigenen Gedanken, Gefühle und Geschehnisse gehört zum Inhalt einer Poesietherapie. Die Therapie geht über das exzessive Schreiben hinaus und hat im engeren Sinne auch mit Kreativität zu tun. Und zwar das Erschaffen einer eigenen Welt.

Bei dieser Variante ist es ebenfalls möglich, sich mit der eigenen Vergangenheit, aber auch der Gegenwart auseinander zu setzen. Probleme, Gedanken, Herausforderungen und Traumata gehören ebenfalls zu den Punkten der Auseinandersetzung mit sich selbst dazu. Das soll nicht heißen, dass dabei große, literarische Werke entstehen sollen. Dies ist zwar möglich, aber nicht Hauptbestandteil der Poesietherapie. Vielmehr geht es darum, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen und diese zu assoziieren. Ziel dabei ist es, dass Geschriebene und somit auch die eigenen Gedanken zu ordnen. Dabei bringt man die losen Gedanken zu Papier und verfasst zusammenhängende Erzählungen.

Unter der Poesietherapie versteht man ebenso, dass der Mensch für sich selbst eine Gegenerzählung zu dem verlaufenden Leben schafft. Ein Leben, in dem alles sinnvoll geordnet ist, sodass Geschehnisse besser verarbeitet werden können. Für den ein oder anderen klingt dies wahrscheinlich nach einer Flucht aus der realen Welt in eine Fantasiewelt.  Es handelt sich dabei jedoch um einen echten Moment.

Wie eine solche Form der Erzählung aussehen kann, ist von Mensch zu Mensch verschieden und dadurch individuell. Vergleichbar ist diese Erzählung mit einer Akte des eigenen Lebens. Das Verfassen des Endes, das tatsächlich Erlebte und die Reflexion von Gedanken, Gefühlen und Geschehnissen bis hin zu einer kompletten Nacherzählung des Lebens sind dabei möglich.

Der letzte Punkt scheint jedoch dem kreativen Schreiben entgegen zu stehen. Wie soll man auch die schmerzhaften Erfahrungen im Leben nacherzählen, ohne das es zu einer existenziellen Hilflosigkeit kommt? Diese Antwort ist leicht zu formulieren. Dieser Art von Erzählung ist mit einer bewussten Entscheidung verbunden. Jeder, der sich für diese Unordnung im Leben entscheidet, ist ihr nicht unterworfen, sondern Herr über sie. In einer gezielten, literarischen Darstellung des eigenen Leids kann eine Form Selbstbemächtigung entstehen. Die Erzählung, in die der Mensch geworfen wird, macht ihn durch die Verschriftlichung zu einem Selbst.

Aus dieser Aussage geht hervor, dass die eigene Gegenerzählung etwas passend Gewähltes ist, bei der sich der Mensch mit sich selbst auseinandersetzt. Direkte Gegenerzählungen des Erlebten sind somit möglich. Genauso wie auch Nacherzählungen, Thematisierungen der eigenen Gefühle und Gedanken und Reflexionen.

Im weitesten Sinne können all diese Formen des Ausdrucks als Nacherzählungen eingestuft werden. All diese Niederschriften erzählen etwas. Sie werden genau dann zur Gegenerzählung, wenn der schöpferische Prozess selbst gewollt ist und auch hervorgebracht wird. Das bedeutet, dass die Poesietherapie dem Menschen dabei hilft, aus der Gefangenheit der jetzigen Situation herauszukommen und etwas zu kreieren, bei dem er selbst entscheiden kann, was passiert. Der Betroffene verlässt dadurch seine passive Rolle des Unterworfenseins und tritt in die aktive Rolle des Schöpfens. Dadurch ist jede Erzählung, die bewusst geschaffen wird, eine Gegenerzählung zu den Geschehnissen, denen wir ausgeliefert sind oder die wir erlebt haben.

Durch diese Form der Poesietherapie werden verschiedene Türen geöffnet, da jede Form des kreativen Schreibens eine therapeutische Wirkung haben kann. Außerdem bekommt der Mensch die Kontrolle zurück, die er in der momentanen Situation in seinem Leben verloren hat.

Das Therapieinstrument: Brief

Einer der besonderen Formen der Poesietherapie ist heute stark integriert: der klassische Brief. Briefe werden derzeit in vielen Psychotherapien geschrieben, gerade im Rahmen von Trauerarbeit oder in der Traumatherapie. Hinter dieser Methode steckt eine feste Intention: Schreiben wir Menschen einen Brief, haben wir die Chance, uns an die Menschen zu richten, an die wir uns nicht mehr richten können oder nicht mehr richten sollten. In diesem Moment wird das Leid gelindert, sich nicht mitteilen zu können.

Neben dieser Form der Kommunikation erfüllt das Schreiben eines Briefes jedoch weitere Funktionen. Er bietet, wie im exzessiven Schreiben auch, die Möglichkeit, sich geordnet und sogar ausführlich mitzuteilen und die eigenen Gefühle und Gedanken zu verschriftlichen. All das, was einen Menschen belastet und das Denken lähmt, wird niedergeschrieben und in eine strukturierte Form gebracht.

Ebenso besteht der zentrale Punkt darin, dass ein Brief ein narratives Ende schaffen kann. Wir können dadurch die Kontrolle über die Situation mit diesem Menschen zurückerlangen. Ob dieser Mensch einen verlassen hat oder wir verletzt wurden. Durch den Brief bekommt man die Möglichkeit, ein erträgliches Ende zu erschaffen, egal, wie die Beziehung zu der Person war oder zum aktuellen Zeitpunkt ist.

Grundsätzlich ist es egal, welche Funktion der Brief in der Therapiesituation hat: Er wird niemals abgeschickt. Er soll nicht dazu dienen, alte Wunden wieder aufzureißen, sondern helfen, die Wunden zu heilen und das Chaos in der eigenen Gefühlswelt zu ordnen. Außerdem bietet diese Form des Schreibens die Möglichkeit, etwas zum Abschluss zu bringen und sich von bestimmten Menschen oder Situationen zu lösen.

Das therapeutische Lesen

Die Poesietherapie ist eng mit der Bibliotherapie verbunden und auch unter dem Begriff des therapeutischen Lesens bekannt. Auch bei dieser Therapieform kann auf ein bestimmtes Verfahren verwiesen werden. Menschen weichen dabei in literarische Welten, um sich in diesen selbst wiederzufinden. Doch auch die Suche nach Reflexion wird zum Zweck genommen. In einer professionellen Therapie werden die Werke, die zu lesen sind, durch den Therapeuten oder die Therapeutin, individuell zusammengestellt. Der Betroffene selbst soll durch die Literatur eine Identifikationsmöglichkeit oder auch Anregung bekommen.

Das therapeutische Lesen wird ebenfalls im Rahmen der Psychotherapie angeboten. Hierbei kann auch an die psychoedukative Literatur gedacht werden, die Betroffene durch ihr Leiden erhalten.
Thematisiert werden diese Vorgehen beispielsweise von bekannten Schriftstellern und Psychoanalytikern. Irvin D. Yalom schreibt dies in seinem Buch „Denn alles ist vergänglich“ nieder, in welchem Geschichten aus der Psychotherapie festgehalten werden.

Die Poesietherapie in Deutschland und auf der Welt

In Deutschland steht die Poesietherapie weiterhin im Schatten, obwohl einige ihrer Elemente heute schon in vielen Psychotherapien eingesetzt werden. Hierzulande gibt es keine geregelte Ausbildung als Poesietherapeut oder Poesietherapeutin, genauso wenig wie eine Anerkennung der Poesietherapie selbst. Es gibt jedoch viele Versuche, die Poesie- wie auch die Bibliotherapie in die Praxis zu etablieren. Die deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie, die verschiedene zertifizierte Lehrgänge anbietet, setzt sich für die Etablierung ein. Diese Gesellschaft wurde von Ilse Orth und Hilarion Petzold gegründet. Eine weitere treibende Kraft ist Silke Heimes.

In vielen anderen Ländern erkennt man bereits eine andere Situation. In den USA beispielsweise wurde das therapeutische Schreiben bereits in den dortigen Kreativtherapien etabliert. Dort kommt die Poesietherapie selbst bei Behandlungen von verschiedenen psychischen Erkrankungen zum Einsatz. Sogar in Großbritannien werden beide Therapieformen heute weitgehend etabliert und angeboten.

Related Posts